Voodoo Hoodoo wachgeküsst – „Küss den Frosch“ erweckt das totgeglaubte Disneystudio zu neuem Leben

Veröffentlicht: 23. März 2010 von felix in Felix' Rezensionen
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Späte Versöhnung mit den Old-School-Fans?

Felix hakt nach.

New Orleans irgendwann in den 20ern. Die Metropole des Jazz, voll Musik, Farben, exotischem Essen und südstaatlichem Zauber und der Voodoo des 19 Jahrhunderts ist noch zum greifen nah.

Tjana, durchaus einer heutigen Amerikanerin vergleichbar, arbeitet rund um die Uhr in 2 Jobs. Ihr Traum: Ein eigenes Restaurant, einst Ziel ihres verstorbenen Vaters um der Welt den eigenen unvergleichlichen Familien-Gumbo zu servieren. Mit unbändigem Fleiß und strenger Sparsamkeit will sich die familienverbundene, bodenständige junge Schwarze diesen Traum verwirklichen.

Auf der anderen Seite: Prinz Naveen aus dem Phantasiestaaat Maldonia. Ein charmanter und gutaussehender, jedoch auch genusssüchtiger und fauler Abenteurer und Herumtreiber, immer nur das schnelle Vergnügen, Musik, Tanzen und Mädchen im Kopf, dem unglüclichwerweise die Eltern den Geldhahn zugedreht haben. Deswegen ist er auch in New Orleans, auf der Suche nach einer reichen Partie. Dazu wiederum ausersehen sieht sich Tjanas weiße Freundin aus Kindertagen, Charlotte, die verwöhnte Tochter des reichsten Mannes von New Orleans (und eine grandiose Parodie auf all die weiblichen Disney-Princess-Hardcore-Fans die es mittlerweile rund um den Erdball gibt). Realitätsfanatiker mögen sich ob der engen Freundschaft zwischen Tjana und Charlotte die Haare raufen, in der Welt dieses Films ist das eben möglich. Charlotte, der eingebildeten Märchenprinzessin mit der Heirats-Hysterie einer Cameron Diaz (sowohl in „Die Hochzeit meines besten Freundes“ als auch „Very bad Things“ vergleichbar) fehlt zum erträumten wahren Glück nur noch der echte Prinz an ihrer Seite, weswegen ihr Vater diesen umgehend zu einem Maskenball einlädt um den Träumen seines Prinzesschens ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Doch Prinz Naveen rechnet nicht mit seinem rachsüchtigen Butler Lawrence. Und alle zusammen nicht mit Dr Facilier, einem machthungrigen Voodoozauberer, der sich Lawrences Rachsucht für seine ganz eigenen finsteren Pläne zunutze zumachen gedenkt. Eh man sichs versieht, ist der fette Butler zu Prinz Naveens Ebenbild mutiert und buhlt um Charlotte während der Prinz sich selbst als Frosch auf Charlottes Balkon wiederfindet wo er auf Tjana trifft. Einige unglückliche Zufälle und Verwechslungen später ist es dann passiert: Naveen und Tjana sind beide Frösche und werden tief in die Everglades verschlagen. Dort soll eine uralte Voodoozauberin leben, die einzige, die Dr. Faciliers Fluch Paroli bieten kann. Den Helden zur Seite gestellt werden Louis, ein überaus fülliger Alligator mit Ambitionen zur Jazztrompete und Ray, ein romantisierendes Cajun-Glühwürmchen.

 

Wie man ein Studio zu neuem Leben erweckt…

PIXAR Chef John Lasseter produziert den Neuanfang des klassischen handgezeichneten Disneyfilms. Und das tut dem Film überaus gut. Denn während PIXAR und Dreamworks mit ihren computeranimierten Filmen in den 90er Jahren Filme produzierten, in denen sich die ungebändigte Kreativität ihrer Macher wiederspiegelte, meist in einer Unmenge an Parodien, Anspielungen und kleinen Sekundengags, fand Disney nie richtig den Weg zu dieser neuen und ungleich frecheren Darstellungsweise. Eine Folge des mittlerweile unbeweglichen und verkrusteten Managements des damaligen Noch-CEO Michael Eisner, der zu dieser Zeit bereits etwa 20 Jahre lang an der Spitze des Disneykonzerns stand. Und anstatt den eigenen Künstlern ähnlich freie Bedingungen zu schaffen, wie es bei den neuen Konkurrenten aus dem Pixelbereich üblich ist, wurden die klassischen 2D Zeichentrickfilme als überholt eingestuft und die Zeichntrickabteilung nach über 80 Jahren schließlich geschlossen. Sozusagen als letzte Amtshandlung kurz vor der Rente. Nicht auszudenken, wenn Eisner Disney noch länger erhalten geblieben wäre, aber 2004 war überfälligerweise endlich Schluß.

Das neue Firmenmanagement das seit 2005 am Ruder ist, hat diesen Fehler zum Glück rückgängig gemacht und sich mit PIXAR einen Hort der freien Kreativität einverleibt. So ähnelt „Küss den Frosch“ in seiner Lockerheit und Unbeschwertheit und in seinem Tempo tatsächlich eher einem PIXAR Film als den letzten Werken des Stammhauses.und das ist genau das was Disney gebraucht hat. Eine bessere Frischzellenkur hätte sich niemand wünschen können.

Hinzu kommt, für Disney ebenfalls neu, ein gehöriger Schuss Selbstironie. So wunderschön wie in diesem Film hat sich Disney noch nie selbst auf die Schippe genommen. „When you wish upon a star“, das Versprechen, daß, wenn man es sich nur stark genug wünscht, der Abendstern einem alle Wünsche erfüllt, ist das Markenzeichen von Disney, der Song aus Pinocchio die heilige Hymne der Firma. Und gab, in einen früheren Zitat, der Stern dem kleinen Waisenmädchen Penny in „Bernard und Bianca“ noch all die Hoffnung, die es benötigte um seine Entführung zu überstehen, so ist dies in „Küss den Frosch“ mittlerweile vollkommen überholt. Was bringt schon das lächerliche Wünschen an eine leuchtende Gasblase, millionen Meilen entfernt? Mehrmals wird die berühmte Szene aus Pinocchio zitiert und jedesmal ab absurdum geführt. Nur eine glaubt noch an den alten Feenzauber, Tjanas verwöhnte reiche Freundin Charlotte, selbst ein Traum in Pink und die Verkörperung all dessen, was Disney seit den 90ern in seinen „Disney-Princess-Fanartikeln“ kleinen Mädchen überall in der Welt kredenzt hat: Eine heile Welt, in der alle Träume wahr werden, eingetaucht in Kinderhustensaft-Pink! Gerade solche Auswüchse des Disneyschen Marketings der letzten Jahre dürften den Fans alter Schule, die mit den Disneyfilmen der 50er bis 80er aufgewachsen sind, regelmäßig die Tränen der Verzweiflung in die Augen getrieben haben, Und nun wird das lange Zeit genährte rosa Prinzessinnen Image von Disney selbst veräppelt. Kein Old-School-Fan dürfte damit gerechnet haben, Wünsche werden manchmal tatsächlich wahr.

 

Die neuen Stars und neuer Witz

Mit Tjana besitzt „Küss den Frosch“ eine überraschend aktuelle Heldin. Ungeachtet der Kontroversen im Vorfeld und währen der Produktion um eine schwarze Disney „Prinzessin“ haben wir es hier mit einer Hard-Working-Woman zu tun, die die Erfüllung ihrer Wünsche nicht dem Abendstern überlässt sondern ihrer eigenen harten Arbeit. Ihr gegenüber ist der vergnügungssüchtige und faule Prinz Naveen ein hervorragender Konterpart, und eine produktive Reibefläche.

Der musikbegeisterte Alligator Louis erfüllt ein wenig den Part des Balu. Mehr Herz als Hirn fungiert er als Sympathieträger und Spaßfaktor.und zu guter Letzt vervollkommnet das zerfledderte Cajun-Glühwürmchen Ray das Kleeblatt.

Überhaupt, was die vielbeschworene „political correctness“ angeht: So sehr bei der Darstellung aller afroamerikanischen Figuren darauf geachtet wurde, alte Stereotype und Rollenklischees zu vermeiden, finden sich in den Cajun andererseits anscheinend willkommene Objekte der Karikatur, nicht nur in Glühwürmchenform sondern auch in Gestalt dreier derangierter Fallensteller. Deren Appetit auf Froschschenkel bringt in Zusammenhang mit der französischen Herkunft der Cajun das uralte Stereotyp des französischen Froschfressers wieder aufs Tableau, aber seis drum – das macht den Film herrlich frech.

Die stärkste Figur ist mit Dr.Facilier wieder einmal der Bösewicht. Ein eleganter, schmieriger Gauner, eher einem Falschspieler oder einem halbseidenen „Geschäftsmann“ ähnlich und alles in allem ein Disney-Villain der milderen Sorte. Einige Szenen mit Facilier gehören zum besten, was man von Disney in den letzten 20 Jahren gesehen hat.Wenn dieser erst einmal seine Spielkarten auffächert, erübrigt sich schon beinahe das derzeit so hippe 3D – die Karten scheinen tatsächlich auch so aus der Leinwand dem Zuschauer entgegenzuspringen. Und den üblichen Warnungen zum Trotz waren die kleinsten der kleinen Zuschauer in vielen der bisher 49 abendfüllenden Zeichentrickfilmen aus der Disney-Werkstatt einer wesentlich stärkeren Portion Horror und Trauma ausgesetzt als bei Dr. Facilier. Dessen Beschwörungen seiner Gefährten der Finsternis bewegen sich eher auf dem Niveau der swingenden bunten Unterwelt in Tim Burtons „The Corpse Bride“ und ist weit vom Horror, gerade der frühesten, großen Disneyfilme, entfernt.

(In einer Zeit in der alle abendfüllenden Zeichentrickfilme mit dem Disney-Schriftzug als DVDs erhältlich sind und von den meisten Nutzern auch völlig durcheinander und ohne weiteres Hintergrundwissen ihren Kindern gezeigt werden, ist ein solcher Vergleich durchaus legitim.)

 

Farbenfrohe Kreativität

Laut den Regisseuren orientiert sich das Erscheinungsbild des Films vorrangig an zwei Klassikern: „Susi und der Strolch“, was die Gestaltung der Stadt angeht und „Bambi“ für die Everglades. Würdigere Vorbilder hätte man sich für die Wiederauferstehung des klassischen Disneyfilmes nicht wählen können. An allen Ecken und Enden des Filmes kommt der Spaß der Hintergrundmaler und Animatoren zum Ausdruck, vielleicht ja die Freude darüber, nun doch nicht zum alten Eisen abgeschoben worden zu sein. Oder, als wollten die Künstler vorsichtshalber noch einmal zeigen, was sie können, für den unwahrscheinlichen Fall einer erneuten Schließung des Animationsstudios. Am stärksten zeigt sich diese Begeisterung bei einigen der Songsequenzen, in denen sich die Zeichner wunderschön austoben können. Die Songs arten zwar immer noch zu gewaltigen Shows aus, jedoch nicht mehr einfach nur mit broadway-artig choreographierten Figuren sondern eher im Stil eigener, speziell designter Clips, wie es bereits früher schon im „König der Löwen“ und in „Hercules“ der Fall war, jedoch noch lange nicht derart ausgefeilt wie in „Küss den Frosch“. Und so werden die meisten Songs, gerade in ihren deutschen Versionen, nicht nur gut erträglich sondern zu richtigen kleinen Perlen. Die grandiosen Bilder lenken von den Texten ab. Allen voran Tjanas Traum vom eigenen Restaurant im Werbeplakatdesign der 20er Jahre und Faciliers herrlich kunterbunte Voodoo – Beschwörung.

An dieser Stelle auch noch ein Wort zur Musik:

Zu dem leichten Erscheinungsbild des Films passt Randy Newmans Soundtrack versehen mit Jazz, Blues und Gospelelementen, perfekt. Vergessen scheinen die schwülstigen und bombastischen Pseudooperetten eines Alan Menken, die in den 90er Jahren so manchen alten Fan dazu getrieben haben, Kindern und schmachtenden Hausfrauen (eingebildeten Prinzessinnen?) alleine das Feld im Kino zu überlassen. Allerdings, ein Wermutstropfen bleibt: Die deutschen Texte bewegen sich manchmal auf dem lyrischen Niveau eines Udo Lindenberg. „Die Männer sind total gut drauf“ Das schmerzt.

Zusammengefasst stellt „Küss den Frosch“ einen überaus würdigen Neuanfang der klassischen 2D Animation bei Disney dar, dessen Charaktere sich nicht vor den großen Vorgängern verstecken müssen und der mit sichtbarer Freude der Zeichner, herrlich farbenfroh und mit erträglichen Songs tatsächlich das Zeug hat, sowohl die jüngeren als auch die älteren Fans endlich wieder gemeinsam zu begeistern.

Disney ist wieder da, auf kreative neue Zeiten!

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