Hexentanz in Freiburg: Suspiria

Veröffentlicht: 6. Mai 2010 von felix in Felix' Rezensionen
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Extravagant, artifiziell und sehr rot: Dario Argentos legendärer Trip in die Tiefen der Seufzer.

Die junge Ballettschülerin Suzy Banion (Jessica Harper) kommt am Flughafen an. Sie möchte an einer berühmten Tanzakademie in Freiburg studieren. Sturm und Regen empfangen sie. Kaum an der Eingangstür der Akademie, sieht Suzy ein völlig aufgelöstes, blondes Mädchen aus dem Gebäude rennen. An der Sprechanlage verweigert man ihr den Eintritt. Am nächsten Tag wird Suzy in der Akademie von Fräulein Tanner (Alida Valli) in Empfang genommen und der Vizedirektorin Madame Blanc (Joan Bennett) vorgestellt. Dabei erfährt Suzy, dass das blonde Mädchen in der Stadt„bestialisch ermordet“ worden ist. Dennoch geht der Unterricht weiter. 

Die Schule erweist sich schnell als etwas ungewöhnlicher Ort – sie scheint von Spitzeln durchsetzt. Mitschülerinnen erstatten Fräulein Tanner regelmäßig Bericht. Als sich Suzy als „energische Person“ erweist, sie beharrt darauf, bei einer Mitschülerin wohnen zu bleiben anstatt in ein eigenes Zimmer umzuziehen, beginnen seltsame Ereignisse. Suzy erleidet einen Schwächeanfall, wird in ein Einzelzimmer verfrachtet und auf eine spezielle Diät gesetzt, die das Mädchen regelmäßig schachmatt setzt. Weitere Vorfälle erhärten den Verdacht: Wer auch immer hier zu viel sieht oder hört, ist in Gefahr. Ein finsteres Geheimnis muss sich hinter den Mauern und Türen des Gebäudes verbergen. Maden regnen von der Decke, eine unheimliche Gestalt ist nachts zu hören, keuchend und röchelnd, wie ein uraltes Wesen, angeblich die Direktorin, die nie jemand zu Gesicht bekommt. Hinzu kommen Geschichten und Gerüchte: So soll die Akademie einst von einer mächtigen Hexe gegründet worden sein. Kurz darauf verschwindet eine weitere Schülerin und Suzy beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen….

Suspiria wird bis heute als Dario Argentos Meisterwerk genannt. Die Meinungen unter den Fans gehen bezüglich der Story auseinander, in künstlerischer Hinsicht stimmt das jedoch allemal. Inspiriert unter anderem von Märchen der Brüder Grimm, Alice im Wunderland, Pinocchio und Thomas de Quinceys Buch „Confessions of an Opium eater“, sowie vom deutschen Expressionismus.

Die farbenfrohe Finsternis

Wer sich auf Suspiria einlässt, den erwarten Bilder, die man nicht so schnell wieder vergisst. Damit sind nun nicht nur die zwar raren aber durchaus blutigen Mordszenen gemeint. Vielmehr überwältigt Suspiria den Zuschauer mit seinem Farbenspiel. Das gilt für die prächtigen Sets, die in üppigen Jugendstil- und Art Deco-Elementen schwelgen, aber auch für deren Ausleuchtung. Kräftige Primärfarben dominieren, allen voran selbstverständlich Rot. Tatsächlich orientierte sich Argento dabei an Walt Disneys „Schneewittchen“, dessen Farbgebung ihn ungeheuer beeindruckt hatte. Selbst das Resultat des ersten Mordes ist mehr ein schreckliches Kunstwerk als ein auch nur annähernd realistischer Tatort. Da ist jede Scherbe, jeder Tropfen Blut so sorgfältig drapiert, wie einzelne Leckereien und bunte Fruchtsaucen auf einem meisterhaft angerichteten Dessertteller.

Erwachsene Kinder und Altstars

Inmitten dieses Farbentrips entspinnt sich die Geschichte, die von einem fast durchgängig weiblichen Ensemble getragen wird. Männer kommen allenfalls in Nebenrollen vor. Dabei erscheinen die Charaktere teilweise genauso kräftig gezeichnet, wenn nicht überzeichnet, wie deren Umgebung. Hinzu kommt, daß der Film ursprünglich mit Kindern gedreht werden sollte. Bedenken, seitens der Produktion änderten dies zwar, die Dialoge im Drehbuch verblieben jedoch auf dem Niveau von 12 jährigen. Da darf man sich nicht daran stören, daß sich hier junge Frauen plötzlich gegenseitig wie Kinder necken und die Zunge herausstrecken. Joan Bennett, eine bekannte amerikanische Schauspielerin der 40er Jahre, spielt die schleimige Madame Blanc mit spürbarem Vergnügen. Beeindruckend und eine der stärksten Figuren des Filmes ist Alida Vallis Fräulein Tanner. Hart und zackig wie ein Wehrmachtsoffizier, ein weiblicher Zerberus der penibel darauf achtet, dass niemand dem Geheimnis des Hauses auf die Spur kommt.

Furiose Forte, Goblins Score

Nicht vergessen werden darf selbstverständlich die mittlerweile legendäre Filmmusik der damaligen Progressiv-Rockband Goblin, die nach Suspiria noch einigen anderen italienischen Horrorfilmen ihren charakteristischen Sound gegeben haben. Am bekanntesten dürfte freilich ihr Score zu George A Romeros „Dawn of the Dead“ sein. Bei Suspiria dominieren wenige, aber umso eindringlichere Themes. Das Titelthema, eine einfache Folge von 14 Tönen, wie ein kleines Kinderlied, oder eben eine magische Beschwörung zunächst leise und lauernd, steigert sich in eine Opulenz des Unheimlichen. Ein hartnäckiger Ohrwurm. Mit krachenden Trommeln und geradezu infernalischem Heulen bricht das Böse über seine Opfer herein. Afrikanische Percussion, griechische Buzouki, Synthesizer, aber auch außergewöhnliche Klangkörper wie mit Wasser gefüllte Blechkanister ergeben einen intensiven finsteren und irritierenden Klangmix, der in seiner Lautstärke durchaus ein Äquivalent zu der knalligen Optik des Films darstellt.

Suspiria ist sicherlich kein Horrorfilm von der Stange. In seiner außergewöhnlichen Machart und Gestaltung hat er spätere Filmemacher beeinflusst und wird bis heute immer wieder in anderen Filmen zitiert. Andererseits dürfte ihn eben seine Extravaganz und plakative Artifizialität, seine teilweise Inkohärenz und sein eher behäbiges Tempo für so manchen heutigen Zuschauer, selbst heutige Genrefans, schwer goutierbar machen. Dies umso mehr, als dass heute mehr denn je gilt: Horror ist noch lange nicht gleich Horror. Wie bei vielen anderen Genreklassikern ist es gerade hier notwendig, den Film aus der Sicht seiner Zeit zu sehen. Notorische Fehlerzähler und Rationalisten werden sich mit diesem düsteren Traum eher schwertun. Auf Suspiria muss man sich einlassen, so wie man sich als Kind auf seine Märchen oder Kinderserien im Fernsehen eingelassen hat-am besten im Dunkeln mit einem möglichst großen Fernseher. Dann führt einen Meister Argento auch heute noch problemlos in seine wunderschöne rote Märchenwelt.

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