Muss Deutschland überhaupt noch Fußball-Weltmeister werden?

Veröffentlicht: 11. Juni 2010 von A (di bosco) in Eine Frage an die Welt, Fußball, Musik
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In regelmäßigen Abständen wird das Team von Art Any Mess nun über wichtige Fragen kollektiv nachsinnen. Anlässlich des heutigen Starts der Fußball-WM haben wir uns diese Woche folgende essentielle Frage gestellt:

Muss Deutschland nach dem Grand-Prix-Sieg

überhaupt noch die Fußball-Weltmeisterschaft holen?

Wäre das nicht zuviel des Guten? ;)

A.:

Ich gebe es ja zu – mein Fußballinteresse lebt immer nur partiell, wie es gerade Lust dazu hat, auf. Und das trotz meiner unglaublichen Fußball-Karriere zu Pubertäts-Zeiten, welche durch einen Armbruch während meiner Tätigkeit als Torwart rasch zu Ende ging. Vielleicht ist das die Wurzel der bösen Gedanken und der Abneigung, die sich immer wieder in mir regen, wenn sich diese scheinbar verpflichtende volks-massen-Fußball-Begeisterung rasend schnell ausbreitet. Da ruft mein hetzerisches, ketzerisches Ich laut: NEIN, bloß keinen WM-Titel. Das ist zuviel des Guten!  Was dann noch anfangen mit den Deutschen im Rest des Jahres? Nach so viel medialen Höhenflug bei allen gemeinschaftsstiftenden Großereignissen… Da kann die Ankunft in der Realität danach nur noch schmerzhafter werden. Grandprix hat es gezeigt: zuviel mediale Freude kann ganz schnell großes Unwohlsein und Genervtsein hervorrufen, jedenfalls bei mir. Sympathie schlägt um in Antipathie: und all die fähnchenschwingenden, grölenden, besoffenen, halbintelligenten Schland-Fans gehen mir jetzt schon auf die Nerven.
Schau ich dann aber ganz ehrlich in mein Herz, so muss ich sagen: Was für eine Frage! Her mit der Meisterschaft. Zuviel des Guten gibt es nicht. Deutschland will den Titel, nach den letzten Malen WM und EM, wo wir doch schon so nah dran war. Und jetzt wo ich das ausgespro… eh geschrieben hab, erfasst mich auf einmal die große Angst vor dem zu frühen Ausscheiden… oh, wie wandelbar ist man doch selbst?

 

Irgendwieeinfachnur:

Naja müssen wär vielleicht zuviel gesagt, aber toll wär’s doch schon. Wobei ich ja schon zufrieden bin wenn die (h.., st…, dr….) Italiener vor uns ausscheiden. Und natürlich fänd‘ ich ein Finale Frankreich gegen Deutschland äußerst spannend, das würde meinen Aufenthalt hier in Bordeaux durchaus noch bereichern. Wobei ich bei dem Spiel Bayern gegen Lyon schon etwas Angst vor den dem Fußball gegenüber sehr emotionalen Franzosen bekommen habe…
Nunja aber das geht jetzt über die eigentliche Frage hinaus.
Auf jeden Fall: Deutschland Vas-y!!!

Lakritzschnecke:

Kleines Mädchen ganz groß: Lena hat mit ihrem galaktischen Grand Prix-Sieg am 29. Mai ganz Deutschland begeistert. Ganz Deutschland? Nein – auch in Zeiten eines nationalen Lena -Hypes haben pessimistische „Gegen-den-Strom-Schwimmer“ wie ich die Klappe offen.
Zurück zum Eurovision Song Contest: Zwischen den vielen mittelmäßigen Grand Prix-Beiträgen, von denen die meisten wie schlecht gemachte Parodien daherkamen, stach Lena vielleicht heraus, gab aber in meinen Augen (die zugegebenermaßen manchmal etwas anders sehen als „die Normalität“) dennoch keine wirklich gute Figur ab. Ein Mädchen, das Lebensfreude ausstrahlt – und dann ein so bewegungsloser, x-beiniger Auftritt? Ein flippiger Spaßvogel, inszeniert als mädchenhaft, jugendlich, schwungvoll – und dann Zehn-Zentimeter-Hacken, die jedes Herumtoben verbieten? Ein Song über bis dato noch unerfüllte Liebe – und dann ein dauerfröhlicher Gesichtsausdruck? Nein, nein, irgendwas kam da dezent unglaubwürdig rüber, sorry, Lena. Von den vielen Schlechten warst du vielleicht die Beste, und ja, du hast zurecht gewonnen, doch die Deutschland überschwappende Euphorie kann und möchte ich nicht nachzuvollziehen.
Genausowenig übrigens verstehe ich das Phänomen WM/ EM: Alle zwei bis vier Jahre findet irgendwo auf dieser Welt ein großes Fußballturnier statt, für das sich auf einmal alle, aber auch alle Deutschen begeistern. Und der typische Deutsche bejubelt erfahrungsgemäß nur erfolgsversprechende Themen, die gerade in aller Munde sind. Mit Alltäglichem und Negativem will man hierzulande lieber nichts zu tun haben.
Aber der Hype ist auf einmal wieder da, wenn in Südafrika gekickt wird, und er äußert sich an jeder Ecke: Schicki-Micki-Tussis erkundigen sich auf einmal nach dem Begriff „Abseits“, Fußballhasser organisieren Public Viewing-Events, Supermarktketten erfinden „WM-Eier“ und „11 Mann-Schokolade“, mittelmäßige Musikgruppen besingen große Worte wie Gemeinschaftsgeist und Nationalstolz und jedermann hängt eben diesen in Flaggenform aus sämtlichen Auto- und Hausfenstern.
Doch wo seid ihr, liebe „Fußballfans“, wenn gerade nicht WM oder EM ist? Beobachtet ihr unsere Nationalspieler auch beim Alltagssport, zu Bundesligazeiten, wo die hochgejubelten de utschen Profis ihr Geld verdienen, beim Training, wo Technik und Co geübt werden? Interessiert ihr euch eigentlich für Fußball, oder nur für den alles überschwemmenden Hype?
Dieselbe Frage auf den Grand Prix bezogen: Fändet ihr Lena heute genausogut, wenn sie den letzten Platz belegt hätte? Oder wäre sie dann nicht eher zum Abschussobjekt der Bildzeitung und zur Persona non grata des allgemeinen deutschen Gesprächs geworden? Habt ihr Lenas Album gekauft, und wenn ja: Wann, vor oder nach dem Grand Prix-Sieg? Findet ihr sie und ihre Musik gut, oder „nur“ den Gewinn eines lang ersehnten Titels für das eigene deutsch pumpende Herz?

Ich freue mich, wenn Deutschland Weltmeister werden sollte, ich habe mich gefreut, dass Lena den Grand Prix gewonnen hat. Glückwunsch, in beiden Fällen. Doch bleiben wir auf dem Boden: Wir sind nicht das Überland, das alle anderen immer in jeder Disziplin schlagen und sich dann selbst tagelang exzessiv feiern muss. Ich bin sehr gespannt auf die WM, da ich von einem relativ frühen Ausscheiden der deutschen Mannschaft ausgehe – und hey, wie sieht dann die Feierbereitsc haft der Deutschen aus? Klingt nach dem potentiellen Aus für Deutschlan d das nationale Interesse an Fußball sofort wieder ab? Wie geht es ohne diesen Hype weiter, und überhaupt: Hat der deutsche Hype bei einem frühen Ausscheiden eigentlich eine Chance? Wie lange hängen die deutschen Fahnen aus all den Fenstern? Wie sieht der Umsatz der Kneipen aus, wenn wir die Vorrunde nicht überstehen? Was wird die BILD-Zeitung titeln? All diese Fragen werden sich in den kommenden Wochen klären – und vielleicht findet der ein oder andere ja ab August auch mal die Zeit und die Lust, den Fußball-Alltag, nämlich die kommende Bundesliga-Saison zu verfolgen, oder dann, wenn keiner mehr davon spricht, mal das Album von einem kleinen Mädchen namens Lena Meyer-Landrut einzulegen.

Sheep4President:
Wär doch cool – sozusagen ein gemischtes Double… :D
Außerdem wär’s das erste Mal überhaupt ;)

Felix:

Wie schnell sich doch die Zeiten ändern, das Glück sich wendet. Keine 2 Wochen ist es her, da schwebte Deutschland für wenige Stunden auf Wolke sieben des Grand Prix-Erfolgs. Man schien wieder in der Mitte Europas angekommen. 12 Punkte von völlig unerwarteten Seiten – anscheinend lag das verheerend schlechte Abschneiden der letzten Jahre wohl doch eher an miserablen Songs anstatt an der vermuteten Generalabneigung gegenüber den hässlichen Deutschen – ein kleiner vorab-Sonnenstrahl im verregneten Spätfrühling 2010.

Doch dann kam es Schlag auf Schlag. Als hätte es Ralph Siegel persönlich veranlasst, gleich am Montag Rücktritt Horst Köhlers, gefolgt von dem sogenannten Sparpaket der scheinheiligen Wespenregierung in Berlin, einem Schlag gegen die soziale Gerechtigkeit sondergleichen.
Nun schlägt die Pranke der Realität wieder unbarmherzig zu. Deutschland ist in einer schwierigen Situation. Nicht nur in finanzieller Sicht. Die Gefahr lauert im Gemüt. Immer mehr Menschen werden zusehends mürbe. Unsicherheit, zunehmende Belastungen und Forderungen könnten sich in weiten Bevölkerungsteilen zu einer latenten Depression verdichten. Dass wir darüberhinaus ohnehin gerne schwarzsehen und jammern als wäre dies ein Exportgut, macht die Situation umso bedrückender.

Als Lena uns vorübergehend in Frühlingsstimmung trällerte, war die Welt eben noch um einiges rosiger, als jetzt. Wo vor zwei Wochen noch ein Mädchen gereicht hat, muss nun eben eine ganze Mannschaft her, um uns unsere düstere Zukunft zumindest vorübergehend aufzuheitern.

In diesem Sinne stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit eines zumindest Achtungserfolges der deutschen Mannschaft in Südafrika nicht mehr, ist marginal geworden.

Für dieses Jahr sollte es mit den großen Enttäuschungen genug sein und Jogi Löws Jungs sollte es beschieden sein, dies zu verwirklichen.

In diesem Sinne: Vorwärts Jungs, nie wart Ihr so wertvoll wie heute!

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Kommentare
  1. A (di bosco) sagt:

    @ Felix: nach dem heutigen Spiel wurde mir einiges klarer. Natürlich ist gute Stimmung gut und toll und wir wünschen sie uns alle. Aber ist das nicht genau das, was einer Regierung dabei hilft unliebsame Dinge durchzubringen ohne den großen Massenprotest? Denn wer hat nach einem deutschen 4:0 noch Lust deprimiert und meckrig zu sein? Da schreien sie doch lieber alle fröhlich „Deutschland“ und schwingen ihre Fähnchen und übersehen großmütig die ganze Sch*****, die am Laufen ist… Wenn das nicht gewollt ist, dann weiß ich auch nicht. Wenn Sie in einem geschult werden, unsere lieben Politiker, dann ist es doch das Abwarten des günstigsten Augenblicks…

    • felix sagt:

      Selbstverständlich kommt die WM unseren Pfeifen in Berlin wie gerufen-das ist ja eine hinlänglich bekannte Masche. Allerdings bleibt zu bedenken: Derzeit ist in der Koalition einerseits und durch deren Pläne andererseits in Deutschland die Kacke am dampfen, wie zuletzt bei Schröders Hartz IV Gesetzen. Ob die WM diesmal ausreicht, um das alles komplett in den Hintergrund zu drängen, kann bezweifelt werden.
      Aber um noch einmal auf die ursprüngliche Fragestellung einzugehen: Mittlerweile finde ich einen Achtungserfolg vor dem Hintergrund des Song Contest Gewinns (war da was?) genauso wichtig, wie völlig ohne Song Contest Gewinn. Der ist nämlich mittlerweile völlig marginal.

      • A (di bosco) sagt:

        Ja da hast du Recht, der Grand-Prix-Sieg ist sehr schnell verblasst. Und hatte mal gar keine Chance gegen die Fußball-Freude. Der Wahnsinn – Autokorso nach dem ersten Vorrunden-Spiel??? Da nimmt man sich ja gleich zu Beginn jegliche Steigerungsmöglichkeit…
        Aber nochmal zurück zur Politik: vielleicht habe ich einfach ein zu negatives Menschenbild. Ich hoffe einfach mal, dass in den nächsten Wochen nicht nur der Fußball in den Köpfen und Herzen ankommt. :)

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