Weihnachten oder das Bedürfnis sich mitzuteilen

Veröffentlicht: 6. Dezember 2010 von Ginger in Das Leben

Eigentlich wollte ich heute vor der Uni nur kurz in den Asia-Shop und ne Flasche Sake kaufen, vielleicht noch ein paar Mung-Nudeln, aber dann kam alles ganz anders.

Ich fasse ins Regal und hab die Nudeln schon in der Hand, weil die Besitzerin des Ladens, eine freundliche junge Thailänderin, aber gerade in der Nähe ist frage ich Sie, ob Sie auch Shirataki Nudeln führt – leider nicht. Wir reden ein wenig über Nudeln, dann über ihren Laden und wie sie zu dem gekommen ist. Schließlich landen wir beim Thema Einrichtigung und Feng Shui und dabei, dass man in Geschäften in Asien die Spiegel meistens mit Ausrichtung zum Schaufenster anbringt, um Negatives nach Draußen abzuleiten. Ich halte die zerbrechlichen Nudeln vorsichtig in der Hand, während Sie mit mir spricht. Eigentlich wollte ich ja nur noch Sake kaufen und dann weiter – aber sie ist so in Erinnerungen versunken und auf das Finden der richtigen deutschen Wörter konzentriert, dass sie gar nicht merkt wie ungeduldig ich werde. Natürlich könnte ich Sie einfach unterbrechen und sagen „Tut mir leid, aber ich muss weiter“ – aber irgendwie erscheint mir das im Moment unhöflich und ich lasse sie weitererzählen. Nachdem ich ihr ein paar Tipps zur Laden-Einrichtung gegeben habe, da Sie über Platzmangel jammerte, kommen wir – oder besser Sie – auf das Thema Partner und Beziehungen. Wenn ich jetzt nicht gehe, stehe ich hier noch mindestens 1h und hab immer noch nur die blöden Mung-Nudeln in der Hand. Irgendwie schaffe ich es wieder nicht mich zu rühren. Ich stelle mir vor, dass Sie das genau merkt und die Situation ausnutzt um sich alles Mögliche von der Seele zu reden. Was soll ich sagen, nach weiteren 30Min in dem kleinen Geschäft weiß ich alles über diese Frau. Woher Sie kommt, warum Sie in Deutschland ist, wann Sie geheiratet hat, warum Sie diesen Mann nicht liebt, weshalb Sie sich getrennt haben, dass Sie einen neuen Mann kennen gelernt hat, die große Liebe aber immer noch nicht gefunden hat. Es ist schon merkwürdig. Nach 1h schaffe ich es dann endlich zu sagen, dass ich weiter muss, renne hastig zum Sake-Regal und greife nach der ersten Flasche.  Sie scheint etwas verlegten aber verständnisvoll und wartet hinter der Kasse auf mich. Während ich bezahle formuliert Sie ein Resumée über das Lebens – wovon sie aber selber nicht ganz überzeugt scheint und ich muss plötzlich an Glückskekse denken.

Mir ist irgendwie schwummrig. Ich verabschiede mich freundlich und stapfe in den Schnee hinaus, atme die kalte Luft ein die mir richtig gut tut. Doch bevor ich die Ladentüre schließe, kommt Sie  in einem Satz hinter der Kasse hervorgesprungen und ruft mir verlegen ein Entschuldigung für die gestohlene Zeit hinterher.  Ich weiß nicht, ob ich verärgert sein soll, oder nicht. Schließlich entscheide ich mich dafür, dass „verärgert sein“ total sinnlos ist, bleibe neutral und mache meinen Sake auf. Bis zur VL schaffe ich es bestimmt noch rechtzeitig.

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Kommentare
  1. A (di bosco) sagt:

    Haha. Musste sehr schmunzeln.
    Ja, das ist wahrlich eine Geschichte über das Leben. In doppeltem Sinne. Schön.

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