Gegenstände des Alltags: Der Rasenmäher

Veröffentlicht: 21. April 2011 von Lakritzschnecke in Gegenstände des Alltags
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Heute habe ich mich geärgert. Immer, wenn ich ein paar Tage zuhause verbringe, muss ich mich ärgern, stets aufs Neue, stets über die gleichen Dinge, die jedoch schnell wieder in Vergessenheit geraten, wenn man lange nicht daheim ist. Heute habe ich mich geärgert, zuerst über das Familienoberhaupt, eigensinnig, rechthaberisch und stets bemüht, die Reste der seit der Pubertät seiner Kinder schwindende Autorität zu bewahren, später über den Rasenmäher, einen Gegenstand des Alltags. Alles begann mit zwei Sätzen:

„Du hast doch die ganze Zeit nichts zu tun, faules Stück, mäh du doch den Rasen! Die paar Minuten wirst du doch grad noch für die Familie Zeit haben.“

Rasenmähen. Im Zeitalter von explosionsartiger Pollenausschüttung und gemeiner Grasallergie eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Doch es gibt keinen Grund zur Gnade, die nörgelnden Nachbarn um uns herum mähten bereits vor Tagen und Ostern steht bevor, ja, was tut man nicht alles um des lieben Friedens willen. Also schreite ich mit rezeptfreien Antiallergika und Tempo zur Tat. Dabei fällt mir auf, dass ich zum Rasenmähen seit jeher ein zwiespältiges Verhältnis habe und mich aus gutem Grund vor der Ausführung der lästigen Pflicht drücken wollte: Die Tätigkeit an sich mag ich gerne, das Knattern der Maschine, das Spiel mit dem Kabel, über das man lieber nicht drübermähen sollte, die pure Macht über das stupide, allergieauslösende Gras, die Vollkommenheit, mit der alles Grün egoshooterartig daniedergemetzelt wird, herrlich, sadistisch, königlich. Zurück bleibt der Triumph des Menschen über die Natur: stoppelkurzer, in Zentimetern messbarer Golfrasen, von den zahlreichen Wühlmauslöchern abgesehen. Das frische Gras riecht, ich niese, und schlagartig fällt mir wieder ein, was ich am Rasenmähen so gar nicht mag: Wo sind die als Unkraut beschimpften, aber niedlichen kleinen Gänseblümchen und die sonnengelben Löwenzähne hin, wo die bittergrünen Halme voller Leben, die beim Barfußlaufen so angenehm an den Fußssohlen kitzelten? Wieso hat der Mensch die Tendenz dazu, alles ungleich Wachsende gleich zu machen, Verschiedenheit schlichtweg zu ignorieren und herzlos zur Zerstörung anzusetzen? Das herrschaftliche Gefühl von vorhin weicht einer kurzen Empfindung der eigenen Erbärmlichkeit, und dann dem Ärger über die getane Tat und die kümmerlichen Konventionen der Menschheit. Was folgt, ist nur die Notiz an mich selbst:

Zieh niemals in ein kleinstädtisches Reihenhaus, wenn dir deine Löwenzähne lieb sind.

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