Eine Frage an die Welt: Darf ich töten?

Veröffentlicht: 5. September 2011 von Lakritzschnecke in Eine Frage an die Welt

Um den Tag der Wiedergeburt von Art Any Mess gebührend zuende zu bringen, folgt kurz vor Mitternacht noch eine Frage an die Welt, mit der ich mich am heutigen Abend beschäftigt habe. Sie lautet ganz einfach:

Darf ich töten?

Das Ende eines mal viel zu kühlen, mal unbändig heißen Sommers. Der Herbst wirbelt sich mit dem ersten von den Bäumen fallenden Laub in unsere Gedanken, und es wird Zeit, über den Tod nachzudenken. Die letzten Hitzeschwaden hängen noch wie Erinnerungen in der geliebten Dachgeschossbude, und durch das geöffnete Schrägfenster weht es noch ein Mal die unangenehmen Seiten des Sommers ins Zimmer: Stechmücken, Schnaken, aufgekratzt und überlebenswillig, obgleich chancenlos dem Winter ausgeliefert. In Holzritzen und an versteckten Wandstellen klammern sie sich beharrlich fest, überdauern den Tag regungslos, geduldig, nur auf das Eine erpicht: Sie wollen mein Blut. Und dann, nachts, wenn die Welt im Schlaf versinkt, surrt es mit einem Mal in steigender Intensität am eigenen Ohr vorbei, penetrant und ekelerregend, und der Mensch ist dem Tier ausgeliefert. Die Nacht gehört den Blutsaugern, und wenn die Sonne den Schlaf verjagt, brennt die Haut und fängt auf schmerzvolle und unansehnliche Weise an zu jucken, und der Mensch weiß: Er hat den Kampf erneut verloren. Irgendwo in einem dunklen Eck hockt keck das volle Raubtier und verdaut das eigene Blut.

Heute wollte ich diese Dreistigkeit ein für alle Mal beenden, suchte mein Zimmer Stelle für Stelle ab, und siehe da: Im hintersten Winkel hatte sich das Biest verkrochen, unsichtbar gemacht und wartete gierig auf das Hereinbrechen der nächsten Nacht. Nicht mit mir, junger Freund, sagte ich dem Insekt, schleuderte ihm meine ganze Verachtung in Form eines gefalteten Zettels mit der Running Order des letzten Sommerfestivals entgegen und betrachtete stolz mein eigenes Blut auf der weißen Tapete. Der Stecher war geschlagen, die kommende Nacht war gerettet und mit ein wenig Wasser hatte sich auch das Problem der Ästhetik schon bald lösen lassen. Es blieb nur das schlechte Gewissen und die Frage an die Welt: Darf ich töten?

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