Schallplattengeschichten Teil 1: Der Beginn einer lebenslangen Liebe

Veröffentlicht: 3. Oktober 2011 von felix in Musik
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War es die Liebe zur Form? Eine runde Scheibe, schwarzglänzend mit schimmernden Rillen. Der Kreis, die Spirale, das sich drehen auf dem Plattenspieler? Einfach das magische Mysterium, dass auf diesen stummen schwarzen Platten Geheimnisvolles verborgen war? Ungeahnte Töne verschiedenster Art. Schließlich konnte ich noch nicht lesen und jede Platte, die ich aus dem Schrank meiner Eltern zog barg neue Geheimnisse.

Ein Stapel Papphüllen und Alben unter dem Fernseher, an einigen Stellen von unserem Rauhaardackel verschönert – das war eigentlich der Anfang. Die erste Kinderplatte an die ich mich erinnere, hatte dementsprechend nicht nur eine Welle sondern auch ein dekoratives Bissloch, glücklicherweise nur in der Anlaufrille, dennoch hatte Karel Gotts Biene Maja-Song dadurch eine feste, weil regelmäßig kurz leiernde Charakteristik, die ich auf anderen Ausgaben dieser Reihe schmerzlich vermisste. Leider stand später der Dackel nicht mehr zur Verfügung.

Dass Schallplatten zudem etwas wertvolles sind, stellte ich verwundert fest, nachdem ich kurzerhand einige Exemplare zu meinem Spielzeug erkoren hatte. Ich meine mich zu erinnern, dass die Reaktion meines Vaters auf meine begeisterte Demonstration einer auf dem Terrassenboden gescratchten originalen Elvis-Presley-Platte irgendwie meinem Enthusiasmus diametral entgegenstand. Das Bild zeigt den Autor in etwa in dem damaligen Alter:

Singles in Sammelmappen mit leicht milchigen Plastiktaschen waren der nächste Schritt. Das Geheimnis war umso größer, als dass ich, eben des Lesens noch nicht mächtig, diese Platten simpel nach der Farbe ihrer Labels registrierte. Besonders angetan hatten es mir dabei die orangenen RCA und die lilanen (damals hieß das lila) Capitol-Singels, letztere oft mit einem interessanten geriffelten Ring um das Label. Drehte sich so eine Platte auf dem Teller, konnte man auf diesem Ring mit dem Fingernagel tolle Ratschgeräusche machen. Die Konnotation der Farbe Violett mit Schokolade dürfte meiner Vorliebe für Capitol mit zuträglich gewesen sein. Rote Decca- und Admiral-Labels standen in meiner Gunst nicht so hoch, ein Grund, weshalb meine Rolling-Stones- und Jeronimo-Singles auch heute noch abspielbar sind. Faszinierend jedoch das Regenbogensegment auf dem Liberty-Label. Auch die Freiheitsstatue sah ich so zum ersten mal. Katja Ebsteins „Diese Welt“ erlitt allerdings ob dieser meiner Begeisterung irreparablen Schaden.

Singles in der Badewanne (nein das ist nicht der Titel einer Baggerkomödie) – ein unvergleichlicher Spaß, wenn sie langsam wie Ufos auf den Grund sanken oder sich beim schnellen herunterdrücken ins Wasser eine kleine Wasserkuppel aus dem großen Mittelloch erhob. So lernte ich die ersten Grundbegriffe der Physik spielerisch.

Auch als Frisbees waren diese Platten hervorragend einsetzbar, wenn auch nur außerhalb der Wohnung. Gläser, Tassen und Vasen standen in der Gunst meiner Eltern in diesem Fall eindeutig an höherer Stelle. Allerdings lies ich auch das bald wieder bleiben, nachdem eines meiner Lieblingsexemplare auf nimmerwiedersehen im dichten Farn unseres Gartens verschwunden blieb. Dass diese Single aus grünem Vinyl bestand erwies sich in diesem Zusammenhang als Nachteil. In der Gegend herumkullern lassen war beinahe genauso lustig. Im Nachhinein kann es nur als großes Glück gelten, dass mein Vater klug genug war, die meisten seiner Platten für mich unerreichbar aufzubewahren.

Umso interessanter war noch das Experiment, ob es mir gelingen würde, eine LP die komplette Treppe hinter dem Augsburger Perlach-Turm hinunterrollen zu lassen. Soweit ich mich erinnere, scheiterte dies jeweils am letzten Treppenabsatz. Der Verbleib der dafür eingesetzten Decca-LP mit weinrotem Label ist leider heute nicht mehr nachvollziehbar. Was auf der Platte drauf war entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis, so dass es dem jeweiligen lesenden Sammler überlassen bleibt, zu entscheiden, ob er sich nun die Haare raufen soll.

Schließlich bekam ich irgendwann einen Stapel alter hüllenloser LPs, die mir von nun an uneingeschränkt zur Verfügung standen. Dazu gehörte auch die bereits oben erwähnte Elvis-Platte, die ohnehin schon im Eimer war. Richtig scratchen kann ich bis heute noch nicht.

Nächstes Mal: Weshalb sich Schellackplatten nicht dazu eignen, in Klappstühle eingespannt zu werden.

Einige der bedauernswerten Opfer:

Elvis Presley: „His Hand in Mine“, RCA, 1960

Chubby Checker: „Twistin‘ round the World“, Parkway, 1963

The Beatles: „Beatles ’65“, Odeon, 1965

Wanda Jackson: „Oh lonesome Me (GermanVersion)“, Capitol 7″, 1964

Siw Malmquist: „Danke für die Blumen“, Metronome 7″, grünes Vinyl, 1961

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