Ohrwurm des Tages: J.S. Bach: Johannes-Passion, „Herr unser Herrscher“

Veröffentlicht: 15. März 2012 von felix in Ohrwurm des Tages
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So, jetzt ist es doch passiert. Kaum schreibe ich in meinem Beitrag über mein „Kopfradio“ (kommt demnächst), dass sich bei mir so gut wie nie ein einzelnes Musikstück dauerhaft in meinen Ohren festsetzt, hängt auch schon eines eben dort und geht hartnäckig nicht mehr weg.

Dabei handelt es sich vielleicht auf den ersten Blick um einen etwas ungewöhnlichen Ohrwurm, nämlich um den Eröffnungs-Chor „Herr unser Herrscher“ aus Bachs „Johannes-Passion“.

Witzigerweise sollte dieser Chor ursprünglich in meinem „Kopfradio“-Artikel als ein Stück von vielen platziert werden, selbstverständlich wieder mit einem entsprechenden Video-Link. Doch leider gibt es von „Herr unser Herrscher“, wie eigentlich immer in der klassischen Musik (ich benutz das jetzt mal als allgemeinen Oberbegriff) unzählige unterschiedliche Interpretationen, die sich teils immens voneinander unterschieden. Und so hab ich auf der Suche nach einer Version, die meinen Vorstellungen am nächsten kommt, das Stück gestern wohl zwei, drei mal zu oft gehört und jetzt wabern majestätische Koloraturen durch meinen Kopf.

Der religiöse Aspekt spielt dabei für mich übrigens keine Rolle, auch wenn grad ja „Fastenzeit“ ist. Es geht mir hier nur um ein tolles Stück Musik! Dementsprechend hab ich auch das Beispielvideo nach der mir persönlich passendsten Version des Chores gewählt, wenn für mich auch die unterlegten Bilder als ehemaliger (kurzfrisitiger) Kunstgeschichte-Studi natürlich ihren Wiedererkennungswert haben. Die Alternative wären Filmszenen aus Mel Gibsons Machwerk „The Passion of Christ“ gewesen und das wollen wir doch mal lieber lassen. Aber zurück zur Musik.

Tatsächlich rockt dieser Chor ganz ungemein. Der Grundrhythmus wird durch die Bässe vorgegeben über denen die Streicher in Sechzehntel – Noten kreisen und kreisen und kreisen, dazu setzen Holzbläser und Flöten ein und zeichnen ein langsames und teils dissonantes Motiv in dem sich der düstere Grundcharakter der Passion schon einmal vorweg abzeichnet.
Der kleine Filmfan in mir malt sich dazu das Bild eines langsam nahenden Gewittersturmes aus. Der Wind nimmt zu und schwarze Wolken ballen sich. Laub wird hochgewirbelt und Büsche und Bäume werden immer mehr durchgeschüttelt, in etwa so. Und nun zuckt der erste Blitz auf oder der Donner schlägt zum ersten Mal. Der Chor setzt ein. „Herr! Herr! Herr!“ Und los geht es mit einem wunderbaren Ritt über die tollsten Koloraturen und durch die schönsten Kanons.

Ebenfalls in Sechzehntel-Noten umspielen sich die vier Stimmen, treiben sich voreinander her, steigen, fallen gehen melodisch mal zusammen denselben Weg um sich gleich darauf wieder gegeneinander zu bewegen, treten abwechseld in den Vorder- oder Hintergrund… Die Soprane stechen immer wieder mit markanten Höhepunkten heraus, aber haben längst nicht alleinig dominant die Melodieführung inne, so wie in einer klassischen Chorbesetzung, wenn es nur darum geht, ein Liedchen zu trällern. Das ganze funktioniert, gerade während der Koloraturen, nur zusammen mit den anderen und jede Stimme kommt an die Reihe und tritt mal hervor und dann wieder in den Hintergrund Im Prinzip werden die Stimmen hier zu Musikinstrumenten. Es geht nicht primär um den Text. Der umfasst nur zwei Sätze mit insgesamt 31 Wörtern und benötigt, selbst großzügig langsam gelesen gerade mal 10, 12 Sekunden:

Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm
In allen Landen herrlich ist!
Zeig uns durch deine Passion,
Dass du, der wahre Gottessohn,
Zu aller Zeit,
Auch in der größten Niedrigkeit,
Verherrlicht worden bist!

Auf dieser Basis wird der gesamte Chor in drei Teile unterteilt, ein zusätzliches „da capo“ wird am Ende angefügt. Ohne dieses wird der Text musikalisch auf gut fünf Minuten ausgedehnt – einfach schön anzuhören. Anbei: Diese ganzen typischen langen Tonfolgen oder -ketten sind auch ein Grund, warum sich Bach so hervorragend verjazzen lässt.

Ich muss so 17 oder 18 gewesen sein, als mir ein damaliger Kumpel und Musikwissenschaftler diesen Chor auf einer Autofahrt vorspielte und die Nummer schlug sofort ein und ist seitdem ein zuverlässiger „Wiederkehrer“.  In diesen ganzen Tonfolgen und Kanons kann ich echt versinken und das Stück hat richtig Power. Ba-Rock eben.
In diesem Sinne, mal ein etwas ungewöhnlicher Ohrwurm.

(P.S.: Wär ein tolles Stück für einen neuen „Fantasia“-Teil! Aber ein drittes „Fantasia“ – *seufz* – das wird wohl für längere Zeit nur ein Wunschtraum sein. )

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Kommentare
  1. A (di bosco) sagt:

    ui, „die Klassik“ erhält Einzug. Sehr schön :)
    Ich tagge gleich mal noch, damit Bach-Fans es finden ;)

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