Weshalb verändert sich Cruella de Vils Auto? Über Bösewichte, Masken und interessante Inszenierungsmethoden

Veröffentlicht: 16. März 2012 von felix in Felix' Rezensionen, Film
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Hallo liebe Leser und Filmfreunde. Kennt Ihr das Gefühl, wenn Euch an einem Film den Ihr schon x mal gesehen habt, plötzlich etwas neues auffällt, etwas, das an sich offensichtlich ist, worüber Ihr aber noch nie etwas gehört oder gelesen habt? Womöglich jahrelang hat man einfach darüber hinweggesehen und plötzlich ist es da und es macht Sinn.

In meinem Fall betrifft das einen der bekanntesten und zu recht berühmtesten Zeichentrickfilme überhaupt, Disneys „101 Dalmatiner“ aus dem Jahr 1961. Über diesen Film, Disneys Sprung in die Moderne im abendfüllenden Zeichentrickfilm, ist schon eine Menge geschrieben worden. Über das neuartige Design, das von der Kunst der Klassischen Moderne beeinflusst ist, über den neuen Jazz-lastigen Soundtrack, ein musikalischer Stil, der die nächsten 10 Jahre bei Disney prägen sollte und über die erstmals in einem abendfüllenden Zeichentrickfilm eingesetzte Xerox-Kopiertechnik, die den Charakteren bis in die 80er Jahre hinein, ein skizzenhaftes, spontaneres Aussehen bescherte – etwas das ich im Gegensatz zu vielen „Golden Age“ – Puristen durchaus zu schätzen weiß.

Ebenfalls viel geschrieben wurde über Marc Davis, der nach Maleficent („Sleeping Beauty“ 1959) nun mit Cruella de Vil der Riege der Disney-Villains ein zweites Glanzstück hinzufügte um sich gleich darauf aus dem aktiven Animatoren-Dasein zurückzuziehen, weil er, wie er sagte, nun nicht mehr viel größeres erreichen konnte. Cruella de Vil ist zweifellos einer der besten Bösewichte aller Zeiten und im Zuge meiner Bachelorarbeit hatte ich genügend Zeit diesen Charakter genauestens zu studieren. Dabei sind mir ein paar Regelmäßigkeiten aufgefallen, über die ich so bisher noch nirgends etwas gelesen hatte. Zeit, die bösen Davis-Damen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die beiden bösen Damen des Marc Davis

Es ist generell bezeichnend für beide Davis-Villains, sowohl Maleficent als auch Cruella de Vil, dass sie zu Beginn der Filme (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) möglichst „schön“ eingeführt werden und immer hässlicher werden, je wütender sie sind. Die Maleficent, die anfangs in König Stefans Schloss erscheint, hat ein feiner geschnittenes Gesicht mit volleren roten Lippen, das auf eine gewisse Art schon beinahe sexy wirkt. In ihrer nächsten Szene, in der sie ihre Goblins zur Sau macht, hat sie eine viel cartooneskere Fratze. Abgesehen von einer Nahaufnahme, in der sie amüsiert beobachtet, wie ihre Goblins Prinz Philipp gefangen nehmen wird ihr Look nie wieder so „naturalistisch“ wie zu Beginn des Films. Das Gesicht ist magerer und spitzer, die Augen größer und die Gesichtsfarbe changiert stärker ins bläuliche. Innerhalb des doch recht strengen stilistischen Rahmens von „Sleeping Beauty“ fallen diese Schwankungen jedoch relativ gering aus.

Viel mehr Möglichkeiten hatte Davis bei der ungleich cartooneskeren Cruella de Vil, einem im Vergleich zur doch recht statischen Maleficent ungleich dynamischeren Charakter (In einem Interview, das ich allerdings aus dem Gedächtnis wiedergeben muss, sagte Davis einmal ungefähr sinngemäß: Maleficent steht da und hält Reden – Cruella agiert dynamisch im Raum.). Die Figur ist schnell und hektisch. Sie rennt schon fast durch die Räume, hin und her, gestikuliert, wirft die Arme nach oben und so weiter. Der insgesamt lockerere Stil der Dalmatiner kommt der Gestaltung Cruellas sehr entgegen – die Menschen in diesem Film sind allesamt Karikaturen, was den Rahmen deutlich erweitert.

Wenn nun Cruella zum ersten Mal in dem Film erscheint, stellt sie eine falsche übertriebene Freundlichkeit zur Schau („Daaaahling!!“), eine Maske die im Lauf des Filmes schnell abfällt. Achten wir auf die Gestaltung der Figur: Im Gesicht wird noch versucht so etwas wie eine gewisse Harmonie herzustellen. Die Zahnreihen blitzen glatt, der Lippenstift ist sauber bis in die Mundwinkelspitzen gezogen, die parabelförmigen Augenbrauen wölben sich regelmäßig über sorgfältigem grünen Lidschatten. Man kann sagen, die Figur wird in ihrer bestmöglichen Form eingeführt. Wie ihr Auftreten gegenüber Anita, so ist auch das Design des Charakters Cruella aufpoliert. Auch hier wird die Figur nie wieder so „gut“ aussehen wie am Anfang. Der gespielte falsche Charme und das Lachen lassen sie in einem bestmöglichen Licht erscheinen – parodiert wird das ganze durch die Telefonszene, in  der wir Cruella im wahrsten Sinn des Wortes ungeschminkt erleben. Ein lächerlich-bösartiger Totenschädel mit Lockenwicklern und grauen Ringen um die Augen, bemüht, das äußere Bild für die Umwelt so gut wie möglich zu gestalten. Die Häßlichkeit lässt sich jedoch noch steigern, je mehr von Cruellas teuflischem Inneren zutage tritt. Das passiert einmal nur für Sekunden, wenn sie wutentbrannt eine Schnapsflasche in einem Kamin explodieren lässt, das zweite Mal sehr deutlich während des Showdowns. Wenn es wirklich grob wirken soll, bekommt Cruella nämlich einzelne Zähne anstatt ihrer sonst durchgezogenen weißen Zahnleisten. Man könnte nun argumentieren, dies sei der berühmten Nahaufnahme aus der Autojagd geschuldet in der sie (letztendlich von sämtlichen Masken befreit) wie eine Gorgonenfratze auf einen zurast. Doch tauchen die einzelnen Zähne auch in der Kamin-Szene auf und in dieser steht Cruella in der Halbtotalen. Es ist also ein stilistisches Mittel.

Exkurs: Bösewichte und ihre Masken

Nun war hier schon des öfteren von dem Begriff „Maske“ die Rede. Ich muss zugeben, dass  mir der Gedanke gefällt, dass sich die wahre Natur der Disney Bösewichte und vieler anderer Schurken erst zeigt, wenn es auf den Höhepunkt zugeht. Dass es sich also nicht um „normal“ aussehende Charaktere handelt, die ihre Züge während des Showdown vor Wut und Hass verzerren, nein, sondern dass diese Figuren zu Beginn eines Filmes mehrere Schichten von Masken tragen, die ihre wahre Natur verbergen. Die es ihnen ermöglichen, sich innerhalb ihrer Umgebung aufzuhalten und die sie Stück für Stück ablegen. Besonders abrupt deutlich wird das bereits in Disneys „Snow White and the seven Dwarfs“ (1937). Wenn die böse Königin nach ihrer Verwandlung mit einer völlig irren Horrorfratze direkt in die Kamera grinst, dann ist DAS das wahre Wesen der ganzen Figur. Nicht die klischeehaft kalt-schöne Königin. Ein weiteres gutes Beispiel ist Professor Ratigan aus „The Great Mouse Detective“ (1986), der sich den ganzen Film über gefälligst als Maus tituliert sehen will und gegen Ende jegliche Zivilisation abstreift und wieder zum reinen Tier wird. (Ich sehe dieses Prinzip auch bei George Lucas deutlich bestätigt. Wenn in „The Revenge of the Sith“ (2005) aus dem würdig wirkenden Kanzler Palpatine der irre kichernde, von Bosheit entstellte Darth Sidious wird, ist das keine „Beschädigung“ durch die Machtblitze denen er ausgesetzt war, sondern eine letzte Demaskierung. Des weiteren erscheinen mir die optischen Parallelen zwischen dem Imperator Sidious und der Hexe aus „Snow White“ sehr deutlich. Ich wage mal die Hypothese, dass Lucas als Kind sehr von „Snow White“ beeindruckt war.)

Zurück zu den Dalmatinern und was mir aufgefallen ist:

Es ist immer wieder schön zu sehen, mit welcher Liebe zum Detail die Disney-Künstler an diesem Film gearbeitet haben. Gerade an den Hintergründen wird das sehr deutlich. An den Einrichtungsgegenständen oder im Fall der Schmiede in Dinsford an all dem Zeug, das darin herumsteht und liegt. Auch gibt es Modellzeichnungen, auf denen die Häuser, die im Film vorkommen in Grund- und Aufriss dargestellt sind, so dass es hinsichtlich der Anordnung der Räume keine Inkonsistenzen gibt (Dass ausgerechnet auf Hell Hall die Räume nicht so ganz zueinander passen wollen bzw. sich in unmögliche Bereiche erstrecken die außerhalb der äußeren Architektur des Hauses liegen, erscheint mir in diesem Zusammenhang ebenfalls als inszenatorisches Mittel. Es ist eben ein „verrücktes“ Haus). Sobald es möglich ist, erscheinen in den Automodellen die jeweiligen Figuren, wenn sie am Lenkrad drehen, reagieren die Wagen genau richtig. Während der Autojagd sind sogar die Hunde im Laderaum des LKW sichtbar, wenn das ganze aus der Totalen dargestellt wird. Gut, Fehler gibt es natürlich auch in diesem Film. Allen voran, dass sich der LKW aus der Sicht von Horace und Jasper plötzlich seitenverkehrt bewegt. Aber im Prinzip passt alles. Alles bis auf eins: Weshalb verändert sich andauernd Cruella de Vils Auto?

Wie bei allen anderen Vehikeln die in dem Film vorkommen, handelt es sich bei Cruellas „CD“ um ein bewegliches Pappmodell mit schwarz nachgezogenen Linien, das abgefilmt und xerographiert wurde. Deswegen wirken die ganzen Autos in „101 Dalmatiner“ auch so räumlich. Es gibt eigentlich keinen Grund, weshalb es sich großartig verändern sollte. Doch schauen wir mal hin:

Wenn der Wagen zum ersten Mal auftaucht, befindet sich auf der Fahrerseite (wir sind hier in England) eine überaus protzige goldene Außenhupe. Allein das Gold passt schon überhaupt nicht zu Cruellas Farbcode (Schwarz-Weiß-Rot-Grün). Nach diesem Ersten Auftritt verschwindet die Hupe für den Rest des Filmes, obwohl der Wagen sich auch später noch durch lautes Plärren bemerkbar macht. Es ist einfach nur Schmuck. Es soll aufhübschen. Solche Hupen finden sich an gemütlichen Luxuslimousinen, nicht an aggressiven Rennmaschinen. Eine Verharmlosung, eine Maske. Ganz genau, wie Cruella selbst zu Beginn des Filmes mit ihrer Maske der „alten Schulfreundin“ auftaucht – die sofort fällt, sobald sie ihren Willen nicht bekommt. Beide, Cruella und ihr Wagen, betreten die Bühne extra schön. Für den Rest des Films fehlt beiden ihr Schmuck. Er ist auch nicht nötig weil sich Cruella jetzt nur noch auf ihrer eigenen Seite bewegt. Jetzt können beide unverblümt agressiv auftreten.

Der Wagen spiegelt in seinem Verhalten permanent die Stimmung seiner Fahrerin wider. Gerade auch akustisch.  Wenn das Auto mit tief tuckerndem Motor durch Dinsford kreuzt, unterstreicht das das angespannte Suchen und Warten Cruellas auf  eine Spur der Hunde, zugleich ist es die Ruhe vor dem Sturm. Während des Showdowns ändert sich das Motorengeräusch zu einem wütenden Brüllen, gleichzeitig quietschen plötzlich immer häufiger die Reifen (auf dem Schnee). Selbstverständlich ist das einerseits ein Mittel um die Dramatik zu steigern. Andererseits gefällt mir jedoch der Gedanke, dass der Wagen bei seinen Attacken auf den LKW wütend und frustriert brüllt und kreischt. Cruella ist es gewohnt, alles und jeden aus dem Weg zu schieben, an dem LKW beißen sie und ihr Wagen sich zum ersten Mal die Zähne aus. Wenn sie nun schließlich selber von der Straße fliegt ist das eine ungeheure und bisher nie erlebte Demütigung. Dementsprechend drehen unten in der Schlucht nicht nur die Reifen durch (sehr schöne Nahaufnahme, auch musikalisch passend untermalt), sondern Cruella selbst auch. Das ist der Point of no return. Was nun folgt ist ein typisches Phänomen, das die Filmfreaks auf TV-Tropes (www.tvtropes.org) einen „Villainous Breakdown“ nennen. Die letzte Maske fällt.

Wenn Cruella und ihr Wagen mit einem gewaltigen Satz aus der Schlucht springen und dabei durch die Baumwipfel krachen, dann ist es nicht nur ein Gag, den sich die Zeichner ausgedacht haben, das ganze hat Sinn. Alles was irgendwie für ein alltägliches Erscheinungsbild nötig war wird abgerissen. Cruella und ihr Auto werden in ihrem reinen und tatsächlichen Wesen als rasende und brüllende Furien bloßgelegt. Ein feuerspeiender Motorblock, dahinter der blanke und ungefilterte Wahnsinn, dargestellt in dem bekannten Bild von Cruella als Gorgonenhaupt. Das ganze findet seinen Höhepunkt, als sich das Auto nach einem frontalen Rammstoß unter dem LKW verkeilt und an ihm festhängt. Akustisch dürfte dies zu den dramatischsten Höhepunkten in einem Disney-Film gehören. Das durchdringende Kreischen der Reifen (logisch vordergründig) bzw. der Raserei Cruellas (interpretiert) will überhaupt kein Ende mehr nehmen. Das ganze wird erst durch einen „Deus ex machina“-Akt beendet, als die Baduns sie versehentlich endgültig von der Straße fegen. Dass die Wagen dabei komplett in ihre Einzelteile zerfallen, ist ein weiteres inszenatorisches Mittel. So wie Cruellas Auto während des ganzen Films ihre Power, Aggressivität und Macht dargestellt hat, so ist das alles jetzt mit einem Schlag dahin. Das wird deutlich,  als ihr Jasper mit einem genervten „Ach halts Maul“ über den Mund fährt – ausgerechnet einer der beiden Baduns, die sich während der ganzen Geschichte vor Cruella zu Tode gefürchtet haben.

Ich finde diesen ganzen Zusammenhang zwischen Cruella und ihrem Auto eine sehr reizvolle Idee. Es bietet sich aufgrund der deutlichen Veränderungen des Wagens vor dem Hintergrund eines ansonsten minutiös und detailliert gestalteten Films einfach an. Es ist natürlich nur meine Interpretation. Wer anderer Meinung ist, kann das gerne sein. Ich bin keine Cruella und werd ihn auch nicht über den Haufen fahren. :)

In diesem Sinne: Bis Bald liebe Leser und Filmfreunde.

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