Ich bin mein größter Fan

Veröffentlicht: 19. Juni 2012 von A (di bosco) in Das Redegewand
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Letztendlich liebe ich mich mehr, als ich es eigentlich zugeben möchte. Deswegen habe ich heute auch mal nachgelesen, wo ich denn herkomme. Besser gesagt, wo ich lange Zeit in jungen Jahren gelebt habe. Herkommen tu ich dann doch wieder von woanders. Einmal „Zuazogne“ – immer. 40 Kilometer reichen aus um Welten zu trennen, im Grunde braucht es nicht einmal Kilometer.

Wikipedia klärte mich auf jeden Fall über die wirtschaftliche Situation meiner Jugendstätte auf. Ich komme aus dem „milchstärksten“ Teil Deutschlands, da wo Zukunft noch „krisenfest“ ist und der Bürger mit seinem „Fleiß“ zur Anbindung und Verfestigung wirtschaftlicher Potentiale beiträgt.

Böse könnte ich sagen: kein Wunder dass ich „fuat ganga“ bin. Und mich arrogant wundern wie ich wurde, was ich mein zu sein (um dann festzustellen, dass ich mehr meine je mehr ich verweile).

So wie ich nun mehr weiß über diese eine meine Heimat – so wurde ich ebenso mal wieder mit einem mich umtreibendem Phänomen konfrontiert: dem Lokalpatriotismus. Dem Bayer an sich haftet dieser ja gerne an, ist ihm aber wahrlich nicht alleinig vorbehalten. Oft findet er besonders heftigen Ausdruck auf zweiter Ebene: in der Liebe zum Fußballverein oder der Verehrung der Produkte der Ortsbrauerei. (Generell scheint der Deutsche besonders auf zwei Dinge zu schwören: deutsches Brot und Bier und zu Fußball-Events wird die Flagge gehisst.) Die erste Ebene könnte eine Verhaftung im dialektalen Sprechen sein – dies geschieht beim ein oder anderen oftmals unbewusst und dauerhaft. Nicht-Sprecher sind – im Heimatort – automatisch äußerlicher, weniger Teil der sogenannten Ur-Bevölkerung.

Viele lokalpatriotische Auswüchse und Liebesbekundungen erscheinen mir oft sehr befremdlich, wenn nicht gar abstoßend. Wer sich, egal wo er ist, ob seiner auf der einen Seite dialektfreien, allzu hochdeutschen („Du redest schon wie die„), auf der anderen Seite regional leicht gefärbten Sprache ohne klare Zuordnung ins gedachte Klischee-Oberbayrisch („Was, du bist aus Bayern? Du sprichst ja gar keinen Dialekt!„), des Öfteren mit der eigenen auditiven Wirkweise konfrontiert sieht, frägt (!) sich schon manchmal, ob er nicht lieber noch mehr verrückte Sachen sagen sollte. („Ich möchte wirr sprechen„, sagte er und tat dies damit!)
Ich stelle an mir einen Effekt der besonderen Pflege (kleiner) Kuriositäten fest. Dinge, die vermeintlich anders erklingen und die ich (un)bewusst hege.

Ich mag meine äs, die kleinen. Imperfekt find ich Perfekt. Solang das alles irgendwie hebt, bleibt daheim auch immer noch mein Zuhause. Ich mag das mich; genau in diesem Satz, mit den vielen weichen Ms, den palatalen Mädchen-Lauten und der leichten anti-depressiven Überheblichkeit.

Ich mag nicht nur mein Meinen. Ach! Ich mag sein Pipapo und ihr echt jetzt. Fair. Ich mag very wonderbeautifulle Anglizismen aus Munich. Amazing. Schweinebacken. Das spanisch-oberbayrische r (dessen ich nicht fähig bin). Ich mag die Kunscht, die prekäre Assemblage potentieller-sprachlicher Gemeinschaften an sich. Das Lachen von ihm, von ihr, das Kichern, das Glucksen, der Schluck, das tiefe Luftholen, die Stimme. Es glitzert und glimmert und überhaupt. Mehr Gesprech‘ in eigenen Worten, meine Lieblinge! Auf euren Zungen werden Worte Schönheiten eurer persönlichen Ich-Konzeption – Schmuckstücke, Spiegelflächen, Liebeskugeln.

Natürlich könnte ich mich jetzt aktivieren und die selbstgemachten Klischees des gedankenanstoßenden Textes öffentlich umformulieren. (Denn letztendlich wundert mich der Stolz ob der Milch und des Fleißes. Oder anders: schade dass die Kühe nicht stolz sein können auf ihre Milchstärke, es ist der Landkreis der sie hervorbringt, züchtig, einverleibt, produziert, konsumiert – das ist wohl aber ein (anderes) Thema.) Aber ich bin in der „we can“-Gesellschaft generell gegen das Können und lass das nun einfach mal unentschieden geschrieben hier so stehen.

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Kommentare
  1. Max sagt:

    Im vorletzten Absatz scheint sich die Autorin regelrecht in Extase zu schreiben. Auf jeden Fall ein sprachlicher Genuss und demselben eine Hommage, ganz gleichgültig ob in Dialekt, Akzent oder Hochsprache gelesen oder nicht.

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